doing gender Martina Minette Dreier
Ich gehe von folgenden Fragen aus:

Ist das Geschlecht nur ein System beliebig verfügbarer Zeichen? Lassen sich diese Zeichen, die wir offenbar alle mit unbewusster Kompetenz zu deuten verstehen, eindeutig definieren? Treten sie in bestimmbaren Hierarchien auf?

Ist beispielsweise ein stilvoll geschminktes Gesicht als Signal eindeutig genug, oder braucht es noch Brüste, um als weiblich erkannt zu werden?

Genügt der Bartschatten oder der Adamsapfel, oder sind Muskeln ein deutlicher Indikator für Männlichkeit?

Reicht es aus, die bekannten Zeichen miteinander zu kombinieren und einzusetzen, oder brauche ich eine innere Haltung, um glaubwürdig zu wirken?

Während das Foto einen bestimmten Moment isoliert, bildet die Malerei eine Synthese aus einer Vielzahl beobachteter Momente.
Für ein Porträt zu sitzen, bedeutet, über Stunden ohne Ablenkung oder Beschäftigung mit sich selbst konfrontiert zu sein. Vor der Kamera ist die Inszenierung einer Rolle möglich, weil die Konzentration auf die eigene Wirkung immer nur bis zum nächsten Klick gehalten werden muss. Beim gemalten Porträt dagegen kann eine inszenierte Rolle über einen so langen Zeitraum nicht aufrechterhalten werden. Meine Erfahrung zeigt, dass früher oder später eine Art meditative Selbstvergessenheit einsetzt, die einer Inszenierung keinen Raum lässt.

Dazu kommt, dass während einer Sitzung auch auf einer Ebene kommuniziert wird, die sich meinem Bewusstsein zwar entzieht und nicht verbal zu fassen ist, aber durchaus malerischen Ausdruck findet.
So richte ich also meine Antennen aus auf den genderbender in meinem Atelier, in all seinen Erscheinungsformen. Künstliche oder echte Haare, falsche oder echte Brüste, Kleider, Anzüge, Makeup, Hüte:

Was glaube ich zu sehen, wie reagiere ich darauf, und was findet sich später auf der Leinwand wieder?

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